Archiv der Kategorie Hauptversammlungsrede

Der Kranich im Steigflug

lh_logo.jpgAuf die HV-Rede von Wolfgang Mayrhuber heute habe ich mich schon gefreut. Wie wenige andere Unternehmen bzw. Marken bietet sich der Lufthansa-Kranich an, um vom Redner als lebendiges und eindringliches Sprachbild eingesetzt zu werden. Und genau darum geht es ja in einer Rede: Sie soll Kino im Kopf erzeugen. Beispiele:   

 Hauptversammlung am 18. April 2007 in Berlin 

„Denn hier, mitten in Berlin, steht die Wiege unseres Kranichs. Hier hat er das Fliegen gelernt, und hier hat er sich inzwischen ein ziemlich großes Nest gebaut. […] Heute, im stolzen Alter von 81 Jahren ist Ihr Kranich, meine Damen und Herren, kräftiger, größer und schneller denn je. Er ist heute beides – erfahren und neugierig, er ist zielstrebig ohne zu riskieren, er hat Ausdauer und ein Gespür für neue Brutstätten. Er wirkt jung, will hoch hinaus, und er erfreut sich einer außergewöhnlichen Beliebtheit – gleichermaßen bei Kunden, bei Aktionären, bei Mitarbeitern und bei den Berlinern. Der Berliner Bär und der Lufthansa Kranich – zwei echte Typen – einzigartig und klasse! Und der Kranich hat in 2006 ein bärenstarkes Ergebnis abgeliefert. […] Lufthansa ist gerüstet – für gute aber auch für schlechte Zeiten. Der Kranich ist ein überaus zäher Vogel: er kann bei gleicher Leistungsfähigkeit 3.000 km fliegen, ohne Nahrung aufzunehmen. Damit ist eigentlich alles gesagt.“ 

Hauptversammlung am 29. April 2008 in Köln

„Lufthansa ist global aufgestellt. Wir haben genug Schubkraft für einen weiteren Steilflug, und wir verfügen über die Flexibilität, bei „Fallwinden“ Gas herauszunehmen. Der Kranich ist nicht nur leistungsstark, er ist auch anpassungsfähig und, er ist zäh. […] 

Wir werden die Erfolgsgeschichte des Kranichs weiterschreiben. Wir haben in der vergangenen Woche die Zahlen des ersten Quartals 2008 veröffentlicht. Der Kranich hat einen hervorragenden Start hingelegt.“

Bleibt zu hoffen, dass der Kranich seinen Steigflug fortsetzt, denn auch ein Sinkflug oder gar Absturz bliebe nachhaltig als Bild in den Köpfen haften.

Hauptversammlung der IKB: “Wahrscheinlich größte Verteidigungsrede der deutschen Wirtschaftsgeschichte

Selten erfährt eine Hauptversammlung so viel mediale Aufmerksamkeit wie heute die der krisengebeutelten IKB. Vom “Tag der Abrechnung” ist die Rede, das Manager Magazin bezeichnet die Ansprache von IKB-Aufsichtsratschef Ulrich Hartmann als “wahrscheinlich größte Verteidigungsrede der deutschen Wirtschaftsgeschichte”.  Kein Wunder, dass dabei jedes einzelne Wort kritisch hinterfragt und auf die Goldwaage gelegt wird. So halten sich der Aufsichtsratsvorsitzende und der Vorstandssprecher auch stoisch an ihre juristisch wohl formulierten Redemanuskripte, ohne davon abzuweichen. Es sind einzelne Worte, die ungewollt für tragikomische Züge sorgen (siehe Wirtschaftswoche).

“Transparenz schaffen” - so überschrieb Günther Bräunig in seinen Ausführungen einen der drei Eckpunkte zur Bewältigung der Krise. Ob ihm das mit seiner rund 42-minütigen Rede gelungen ist, darüber lässt sich streiten.  Knapp eine halbe Stunde benötigt er, um fünf wesentliche Fragen zu beantworten:

1. Wie konnte es bei der IKB zu dieser existenzbedrohenden Krise kommen?
2. Wer ist für diese Krise verantwortlich?
3. Hat die Bank ihre Aktionäre angemessen informiert?
4. Was wurde getan, um die Bank zu stabilisieren?
5. Wie ist die derzeitige Lage der Bank?

Für die sechste Frage - Wie sieht die Zukunft der Bank aus? - bleibt da nicht viel Raum. Noch steht die Aufarbeitung im Vordergrund - und ein mehr oder weniger verzweifelter Appell, der als Abschluss seiner Rede in den Köpfen haftenbleibt: 

“Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, mit Blick in die Zukunft möchte ich Sie umso dringender auffordern, unseren Kurs der Stabilisierung und Neuausrichtung der Bank mitzutragen. Mit der großen Unterstützung, die die IKB von der KfW, der deutschen Bankenlandschaft und auch dem Staat erhalten hat, ist die Bank gerettet worden. Mit der Kapitalerhöhung, die wir Ihnen heute vorschlagen, können wir unsere Substanz so weit stärken, dass wie wieder an den Kapitalmarkt zurückkehren können. Begleiten und unterstützen Sie uns auf diesem Weg. Wir brauchen diese Kapitalerhöhung, und sie muss zeitnah durchgeführt werden. Sie ist für die Weiterführung des Unternehmens unerlässlich.” 

ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz läutet HV-Saison ein

Mit einer gut 41 Minuten langen Rede läutete am Donnerstag, den 18. Januar 2008, ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz traditionell die Hauptversammlungssaison in Deutschland ein. Kurz zuvor gab das Unternehmen per Ad-hoc-Mitteilung und Pressemitteilung bekannt, dass der Vertrag des 66-jährigen Vorstandsvorsitzenden vorzeitig verlängert würde. Eine weitere Pressemitteilung informierte darüber, dass die Gesamtprognose für das laufende Geschäftsjahr bestätigt werde.

Die HV-Rede steht auf der Website von ThyssenKrupp sowohl als Text und Präsentationsfolien als auch im MP3- und MP4-Format zum Download bereit. 

NeTVision, ein Tochterunternehmen von Thomson Financial, sorgte für die Live-Übertragung im Internet.

Ein interessantes Detail: Sowohl der Versammlungsleiter, AR-Vorsitzender Cromme, als auch Schulz gehen auf einen tragischen Arbeitsunfall in Turin ein, bei dem sieben ThyssenKrupp-Mitarbeiter ihr Leben verloren. Sie nutzen den Anlass, um über Arbeitssicherheit zu sprechen. Die Teilnehmer der HV gedenken der Toten in einer Schweigeminute.

Publikumsschelte

Publikumsschelte scheint derzeit zum “guten Ton” zu gehören - zumindest pflegen Manager von Fußballvereinen diesen Sport auf ihren Jahreshauptversammlungen.

Nachdem er sich Kritik anhören musste, rastet Uli Hoeneß vom FC Bayern aus und beschimpft voller Wut die eigenen Fans: „Die Scheißstimmung, für die seid ihr doch zuständig und nicht wir. Es kann nicht sein, dass wir uns jahrelang den Arsch aufreißen und dann so kritisiert werden. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid?“ (der Stern bringt die Wutrede im O-Ton) Mit einem offenen Brief versucht der Verein nach dieser Verbalattacke zu retten, was zu retten ist.

Auch Walter Seinsch, Vorstandsvorsitzender des FC Augsburg, wählt auf der Jahreshauptversammlung markige und derbe Worte (siehe Augsburger Allgemeine). Forenschreiber, die im Internet ihre Meinung äußern, bezeichnet er als “Arschlöcher”, die Fans stellt er lapidar vor die Wahl: “Welchen Fußball wollt ihr in Augsburg? Einen italienischen FCA, mit Kriminalität und Mord, einen englischen FCA, einen Chelsea-FCA, wo ein Großkopferter regiert? Ihr seid der FCA, ihr entscheidet, und wenn es euch nicht passt, was mir machen, dann wählt uns ab.”

Einen Überblick über Wutreden, die aufhorchen ließen, liefert Spiegel Online.

Eines müssen sich die Fußballer jedenfalls nicht vorwerfen lassen: dass es auf ihren Hauptversammlungen langweilig zugehe. Doch auch wenn man sich auf den Hauptversammlungen börsennotierter Aktiengesellschaften in Deutschland manchmal ein wenig mehr davon wünscht, an ihnen sollten sie sich kein Beispiel nehmen.

Außerordentlich intransparent: EADS

Quelle: EADSDas verstehe wer will. Auf ihrer außerordentlichen Hauptversammlung lässt sich die EADS heute eine Führungsreform genehmigen mit dem Ziel, damit die Transparenz zu erhöhen. Ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Doch wie glaubwürdig wirkt diese vermeintliche Offenheit, wenn das Unternehmen gleichzeitig Journalisten von den Aktionären abschirmt und Aktionären nur die Fragen genehmigt, die opportun erscheinen und nicht die, die sie beschäftigen? Die Ausführungen, spröde abgelesen, beschränken sich auf die anstehenden Regularien. Nur ein kurzer Hinweis auf die aktuelle Berichterstattung in den Medien. Die Hauptversammlung, eine unangenehme Pflicht, die man schnell über die Bühne kriegen will. Dass alles glatt geht, dafür sorgen die Stimmen der Großaktionäre.

Für jedermann nachzuvollziehen per Audio- oder Videocast im Internet: auf englisch, deutsch, französisch und spanisch. Zu viel der Transparenz, wenn man eigentlich gar nichts sagen will.

Lesenswert dazu:
“Keine Journalisten, bitte” von Simon Hage auf manager-magazin.de
“Insider-Versammlung” von Simon Hage auf manager-magazin.de
“EADS schirmt Hauptversammlung von Presse ab” von Gerhard Hegmann auf ftd.de

Die Rede des Vorstands auf der Hauptversammlung

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Am 19. Oktober 2007 startet der schriftliche Management-Lehrgang “Ihr Leitfaden zur Hauptversammlung” bei Euroforum. Eine der zehn Lektionen stammt aus meiner Feder: “Die Rede des Vorstands”.  Weitere Infos dazu in der Broschüre “Ihr Leitfaden zur Hauptversammlung” oder auf der Website von Euroforum.

Herzlich willkommen…

… auf meinem Blog “Der Rede wert”. Eine gute Rede ist Gold wert - das wissen alle, die häufig vor Publikum sprechen. Der Redner kann sich mit ihr profilieren und sein Publikum begeistern.

Während der letzten Wochen habe ich mich intensiv mit der Vorstandsrede auf der Hauptversammlung börsennotierter Unternehmen beschäftigt. Dort wird besonders deutlich, dass eine Rede sogar über Kapital entscheidet. Gut, wer da mit Redekünsten wuchern kann.

Dieser Blog sammelt und kommentiert alles über Reden, was für mich der Rede wert ist. Wer mitreden will, ist herzlich dazu eingeladen.

Sandra Strüwing

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